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Life Goes On

 

Aalkmar im August 2005
Tagebuch 5 von Gotty Müller

Der Saison-Höhepunkt !
Europameisterschaft im Handicap Radsport,

Hallo Freunde,

wie versprochen werde ich Euch nun von den
Europameisterschaften auf der Bahn und Straße berichten, die vom 12.08 bis zum 20.08.05 in der Niederländischen Käsestadt Aalkmar statt fanden. Mit einigen Wochen Abstand sitze ich hier an meinem Schreibtisch und lasse für Euch die EM Revuepassieren, ich hoffe Ihr habt ein wenig Spaß beim Lesen.

Erst zwei Wochen vor der EM bekam ich die Nominierungs-Mitteilung das ich nun wirklich mit im EM Team bin. Sechs sehr sehr harte Wochen lagen hinter mir ich blieb bei meinem Trainingsprogramm dieses mal ohne Verletzung und ohne Erkältung was in der Vergangenheit nicht immer so war.
Es konnte nun endlich losgehen.
Am Tag vor der Abreise musste ich zuerst noch mit dem Zug nach Koblenz fahren um mir den Verbands-Bus meines Behinderten Sportverbandes abzuholen, ich bekam den Bus kostenlos zur Verfügung gestellt. Bis spät in die Nacht bepackte ich den Bus, Ihr glaubt ja gar nicht was ich da alles mit nehmen musste.


Hier eine kleine Aufzählung:

Bahnrad mit Ersatzlenker und zwei Laufrädern, Zeitfahrrad mit Aerolaufrädern und Hinterradscheibe aus Carbon, Straßenrad natürlich auch mit zwei Ersatzlaufrädern, dazu später noch mehr, Warmfahrrolle für Bahn und Straße, Schläuche, Bereifungen, Standpumpe, Werkzeugtasche, usw. der Bus war voll bis unters Dach.

Am Donnerstag Morgen ging es dann los zuerst durch die Eifel, quer durch Belgien nach Holland, vorbei an
Maastricht, Eindhofen, Amsterdam und zum Ziel nach Aalkmar.

Ich fuhr direkt zur Radrennbahn wo sich die Mannschaft zum ersten Bahntraining und zum kennen lernen der Bahn um 15 Uhr traf. Der erste Eintrug war sehr gut eine fast neue Halle, die 250m Holzbahn lief von Anfang an sehr gut, wie sich heraus stellten sollte, eine schnelle Bahn. Nach dem Training sollte es im Zelt vor der Radrennbahn das erste Abendessen geben wir waren alle sehr gespannt wie es den hier in Holland um die Kochkunst so steht, in diesem Zelt sollten wir während der gesamten Bahnwettbewerbe verpflegt werden.

Halleluja!! Sportler gerechte Ernährung war das nun wirklich nicht was wir da jeden Tag aufgetischt bekamen. Für mich, ich esse ja kein Fleisch, war es schon sehr schwierig jeden Tag meinen Kohldampf dort am Tisch zu bekämpfen. Wenn es schon mal Reis gab dann aber mit Fleisch oder bei Gemüse wieder mit Speckwürfel drin, so musste ich mich wie ein Huhn pickend über die Runden bringen. Das Mittagessen war jeden Tag das selbe Toast, Toast, Toast mit Käse oder Wust da konnten die Lieben Helfer und Helferrinnen nichts verkehrt machen, man sagte uns das sei so üblich hier in den Niederlanden. Nach dem feudalen Mahl fuhren wir ins Hotel, was uns hier wohl erwarten würde, von außen sah es aus wie ein Krankenhaus aber der äußere Schein trug, es war ok, sehr nett eingerichtet was alle störte oder sagen wir überraschte war die Tatsache das es keine Fernseher auf den Zimmern gab. Im nachhinein war es doch ok, wir trafen uns dann alle zusammen abends zum Fernsehen das teilweise auch sehr lustig war und man wurde einwenig auf andere Gedanken gebracht um nicht ständig an den Wettkampf zu denken.

Apropos Wettkämpfe ja die begannen dann endlich am Samstag, zuerst musste ich in der 4000m Verfolgung in die Qualifikation. Hier ist es wichtig unbedingt unter die letzten vier zufahren denn nur die besten vier Zeiten kommen eine Runde weiter anderenfalls wäre dieser Wettbewerb für mich schon zu Ende. In den Finalläufen, die am nächsten Tag ausgefahren werden, fährt die schnellste Zeit im großen Finale um Gold gegen die zweite Zeit und das kleine Finale um Bronze bestreitet die dritte Zeit gegen die vierte Zeit.Die Verfolgung heißt aus dem Grund so weil auf jeder Seite der Bahn ein Rennfahrer startet und das man versuchen sollte seinen Gegner einzuholen oder eben eine bessere Zeit wie sein Gegenüber zu erzielen. Ich wurde in die letzte Paarung ausgelost und musste gegen den aktuellen Weltrekordhalter und Paralympics Sieger Roberto Alcaide fahren.

Roberto konnte für mich aber nicht das Maß sein den er und Jiri Jezek fahren in einer anderen Liga sie sind Profis, mein Ziel hieß ganz klar unter die besten vier zu fahren. Von den Vorleistungen aus gesehen war mir klar das Roberto so in der achten bis zehnten Runde mich einholen und überholen wird. Ich hatte mich vom Kopf her darauf eingestellt wenn er vorbeizieht so lange wie möglich in seinem Windschatten zu fahren vielleicht so noch das eine oder andere Zehntel heraus zuholen um damit den Kampf um die Bronze Medaille offen zu halten.

Meine Hoffnung wurde aber nur in einem Punkt erfüllt, er kam am Ende der achte Runde an mir vorbei, jedoch mit einem Tempo das mir überhaupt keine Chance blieb auch nur einen Meter in seinem Windschatten zu folgen. Ich dachte mir nur „ oh verdammt „ was läuft denn hier ab. Roberto musste sich gegenüber Athen nochmals gewaltig gesteigert haben denn mit so einem Tempoüberschuss ist vorher noch niemals jemand an mir vorbei geschossen. Ich konzentrierte mich jetzt nur noch auf mich ich kämpfte verbissen bis meine Muskulatur brannte mein Rachen schmerzte vom schnellen hecheln nach Luft.

Geschafft, ich fuhr die drittbeste Zeit und hatte mein erstes Ziel das kleine Finale gegen meinen langjährigen Französischen Freund Patrik Cerria erreicht. Das große Finale erreichten wie erwartet Jiri Jezek, der seine Bestzeit um vier Sekunden verbesserte, gegen der Spanier Roberto Alkaide der mit einem absoluten Fabelweltrekord seine Zeit von Athen um fast 10 Sekunden verbesserte, absoluter Wahnsinn.

Jetzt hieß es zuerst meine Beine auf dem Rad locker fahren um dann anschließend von Katrin, unserer Physiotherapeutin, auf der Massage Bank die Muskulatur für den nächsten Tag fit kneten zu lassen. Nach der Dusche und dem Abendessen ging ich früh schon ins Bett aber die Gedanken an das Rennen am nächsten Tag ließen mich einfach nicht einschlafen. Man sollte zwar meinen das einem so erfahrenen alten Haudegen die Nervosität kalt läst aber das ist bei mir eben nicht so.
Direkt vor den Rennen bin ich total cool weil ich mich aufs Rennen konzentriere aber der Abend oder die Nacht davor ist schon sehr nervig. Am nächsten Tag saß ich zwei Stunden vor meinem Start auf dem Straßenrad und machte mich draußen auf den zahlreichen Radwegen warm, nach zwei drei Tempoeinheiten war ich dann pünktlich eine Stunde vor dem Start wieder im Radstadion. Ich setzte mich in unserer Deutschen Box in eine Ecke um mich auf meinen Lauf zu konzentrieren.

Plötzlich Rufe von der Zuschauertribüne hinter mir, hallo Gotty, hallo Gotty! Bevor ich mich umdrehte wusste ich schon wer mir da rief denn es gibt nur eine Frau hier in ganz Holland die mit so einem sympathischen Schweizer Akzent spricht. Ich drehte mich um und natürlich es war Monique Jenni die Promotional Managerin von meinem langjährigen Sponsor „ Össur „ dem Weltweit führenden Produzent von Orthopädischen Produkten.

Nach einer kurzen Begrüßung versank ich wieder in meine Konzentrationsphase wo mir dann plötzlich ein Rennen von der Europameisterschaft 1995 durch den Sinn schoss. In diesem Rennen fuhr ich auch gegen meinen heutigen Gegner Patrik Cerria den ich damals bei der EM besiegte und darüber hinaus auch noch einen neuen Weltrekord aufstellte. Mit dieser positiven Motivation ging ich an den Start ich atmete noch mal tief durch und schon ertönten die letzten fünf akustischen Sekunden Töne bis zum Start. Ich kam sehr gut aus der Startmaschine raus und ich fand auch schnell meinen Rhythmus. Mein Trainer an der Seitenlinie zeigte mir in jeder Runde den Abstand zu Patrik an der wie erwartet sehr schnell startete. Ich fuhr meinen geplanten Rhythmus weiter auch als ich nach drei Runden einen kleinen Rückstand angezeigt bekam. In der sechsten von sechzehn Runden kippte dann das kleine Finale zu meinen Gunsten ich kam Runde um Runde näher an meinen Gegner heran ich hatte ihn auf der Geraden schon ganz nach vor mir.

Die letzte Runde „ Der erlösende Schuss“, die Verfolgung wird mit einem Pistolenschuss durch den Oberkampfrichter abgeschossen, es war geschafft ich hatte mir die Bronzemedaille erkämpft. Ich war sehr sehr glücklich über meine fünfzehnte internationale Medaille seit meinem ersten Start bei der WM 1994 im Belgischen Gent.

Trotz aller Glücksgefühle und Freude über die Medaille verschwendete ich keine Gedanken an feiern oder Party machen den nach zwei Tagen Pause standen ja bereits die Straßenwettbewerbe auf dem Programm. Als erster Straßenwettbewerb startete das Einzelzeitfahren über 24km zu einer sehr sehr frühen morgendlichen Stunde bereits um 9 Uhr. Als Hintergrund zu solch einem frühen Start sollte man wissen das man als Sportler vor einem Wettkampf vier Stunden vorher bereits aufstehen und gefrühstückt haben sollte, das heißt dann natürlich bereits um kurz vor 5 Uhr raus aus den Federn.

Ich kam an diesem Tag sehr gut auf die Beine und ich fühlte mich sehr gut am Start, es fällt einem ein bisschen leichter am Abend vorher einzuschlafen wenn man bereits eine Medaille erkämpft hat also keinen Druck verspürt unbedingt heute in die Medaillen Ränge zu fahren.

Genau um 9.16h ging es mit akustischer Unterstützung von Monique Jenni los, Sie hatte sich auch sehr früh morgens auf den Weg gemacht um uns Sportler hier anzufeuern. Ich ging die erste halbe Runde mit etwa 90% an um die Muskulatur nicht gleich zu übersäuern aber dann merkte ich das es sehr gut läuft und drehte den Turbo auf maximale Leistung. Bei Kilometer sechszehn lang ich bei der Zwischenzeit auf Platz vier mit sehr guten Möglichkeiten um weiter nach vorne zu kommen.

Nach der zweiten Zieldurchfahrt folgte eine scharfe Linkskurve hier ereilte mich ein Missgeschick das es auch nicht alle Tage gibt. Ich bremste aus ca. 50km/h ab um mich in diese Kurve zu legen doch plötzlich blockierte das Hinterrad und es drohte ein Sturz. Ich lenkte sehr schnell dagegen und richtete mich auf um einen Sturz auf die Straße zu verhindern jedoch ging mir jetzt die Straße aus und es ging geradewegs einen Damm hinunter aufs Wasser zu. Reaktionsschnell warf ich mich auf die linke Seite um einen Sturz in diese grüne Brühe zu vermeiden was mir auch gelang so landete ich sehr weich im hohen Schilfgras. Mühsam krabbelte ich alleine den Damm hinauf und setzte mein Rennen mit Wut im Bauch fort, es war ja niemand da der mir hätte helfen können denn Materialfahrzeug mit Betreuer die mir in solch einem Fall helfen könnten waren nicht erlaubt.

Ich landete am Ende auf einem für mich enttäuschendem fünften Platz.
Nach der Computerauswertung sah man das ich vom abbremsen in der Kurve bis zum weiterfahren 38 Sekunden verloren hatte und mit so einem Rückstand hat man nun mal keine Chance weiter nach vorne zu fahren. Der Grund für die Blockade des Hinterrades war ein Bremsklotz der durch die entstehende Hitze beim anbremsen auf der Carbonscheibe kleben blieb und mir damit alle Medaillenchancen zu Nichte machte. Jetzt hieß es so schnell wie möglich dieses Missgeschick abhacken um sich auf morgen zu konzentrieren, da stand ja bereits das abschließende Straßenrennen auf dem Programm. Nach dem Frühstück am nächsten Morgen, bei herrlichem Sonnenschein, fuhr ich mit meinem Rennrad hinaus zur Rennstrecke zum letzten Rennen der EM 2005 in Aalkmar. Als ich dort ca. 1 Stunde später ankam traute ich meinen Augen und Ohren nicht denn es begann plötzlich wie aus heiterem Himmel an zu Gewittern und zu Stürmen, es goss wie aus Kübeln.

Alles Jammern half nichts, Radrennen finden bei jedem Wetter statt, meine Konkurrenten und ich standen pünktlich am Start um uns trotz dem miesen Wetter einen heißen Kampf zu liefern.
In strömendem Regen erfolgte der Startschuss, sofort wurde attackiert um das Rennen schnell zu machen damit sich schnell die Spreu vom Weizen trennen sollte. Wie erwartet waren die Favoriten Jiri Jezec, Roberto Alcaide und Eduard Novak die aktivsten, ich wusste genau wenn eine Attacke von einem dieser drei Rennfahrer kommt muß ich an dem Hinterrad sein und genau so kam es auch.

Zu beginn der zweiten Runde setzte der Rumäne Eduard Novak einen Angriff der so hart war das es das ganze Feld zerriss. Ich hatte genau richtig spekuliert und sein Hinterrad erwischt in meinem Windschatten folgten Jiri und Roberto, die nächste Gruppe hatte bereits einen Rückstand von ca. zweihundert Metern. Er legte ein dermaßen schnelles Tempo vor das ich in seinem Windschatten fast an meinem Limit fuhr als es in eine schnelle Kurve ging geschah für mich mein persönlicher Supergau.

Mein Hinterrad rutschte etwas merkwürdig weg aber ich stürzte nicht, Jiri musste mir ausweichen um nicht zu stürzen, ich dachte noch ach wegen der nassen und schmierigen Straße ist mein Rad weggerutscht. Nein, nein es durfte doch nicht sein, wieder mal ich, wieso verdammt noch mal immer ich der soviel Pech hat, ich hatte einen Plattfuss.Ich stand jetzt hier auf einem Gottverlassenen Holländischen Feldweg wie ein begossener Pudel, vorne ging weiter die Post ab und von hinten kamen die abgehängten Rennfahrer an mir vorbei geschossen, ich schaute ihnen mit einem starren und vollkommen leeren Blick unfassbar hinterher. Plötzlich war ich ganz alleine, kein Zuschauer, kein Offizieller und schon gar kein Materialwagen der mir in Null Komma nix ein neues Hinterrad hätte geben können damit ich weiterhin eine Chance gehabt hätte um die Medaillen mitzukämpfen.

Alles um sonst, die ganze Vorbereitung mit all den Schmerzen und Entbehrungen die vielen Vorbereitungs-rennen in ganz Europa, alles musste hinten anstehen ja auch die Familie kam mal wieder viel zu kurz und nun das, ein lächerlicher Plattfuss macht alles kaputt.
Schlimmer noch, diese drei in der Spitzengruppe schafften es sich entscheidend abzusetzen, ich wäre dort dabei gewesen mit der Chance um eine Medaille zu kämpfen. In dieser Spitzengruppe spielten sich noch weitere kleine Dramen ab zunächst bekam Jiri einen Platten, mit viel Glück rettete er den dritten Platz und in der letzten Kurve ca. 500m vor dem Ziel erwischte es auch noch Roberto so das Eduard Novak der glückliche Europameister wurde. Insgesamt hatten acht Rennfahrer einen Defekt von denen sechs so wie ich das Rennen vorzeitig beenden mussten.

Bereits im Vorfeld der Einzelzeitfahren und den Straßenrennen hatte es Streit zwischen dem Veranstalter und den Teamleitern der Nationen gegeben, da der Veranstalter keine Materialfahrzeuge während der Rennen zuließ. Auch heftigste Proteste von uns Rennfahrern nutzte nichts, „ Solche Zustände müsste man sich mal bei den Profis erlauben“ ich bin überzeugt die würden unter diesen Umständen erst gar nicht an den Start gehen. So etwas darf sich in Zukunft nicht wiederholen. Die Verantwortlichen müssen sich zusammen setzen und dem nächsten Ausrichter von internationalen Wettkämpfen vorschreiben, das Materialwagen ein absolutes Muss sind, denn von den Rennfahrern verlangt man mehr und mehr Professionalität gleiches muss man auch von den Ausrichtern oder Veranstaltern verlangen können.

Soviel von mir, ich wünsche Euch eine schöne Zeit.

Gotty

 
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Gottys Freudentanz mit
Alcaide und Jezek

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Gotty mit seiner Familie

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Gotty in action


Tagebuch 4 von Gotty Müller

Hallo Freunde,

wie versprochen werde ich Euch nun von den Europameisterschaften auf der Bahn und Straße berichten, die vom 12.08 bis zum 20.08.05 in der Niederländischen Käsestadt Aalkmar stattfanden.
Mit einigen Wochen Abstand sitze ich hier an meinem Schreibtisch und lasse für Euch die EM Revue passieren, ich hoffe, Ihr habt ein wenig Spaß beim Lesen. Erst zwei Wochen vor der EM bekam ich die Nominierungs-Mitteilung, dass ich nun wirklich mit im EM Team bin. Sechs sehr harte Wochen lagen hinter mir, ich blieb bei meinem Trainingsprogramm dieses mal ohne Verletzung und ohne Erkältung, was in der Vergangenheit nicht immer so war. Es konnte nun endlich losgehen.

Am Tag vor der Abreise musste ich zuerst noch mit dem Zug nach Koblenz fahren, um mir den Verbandsbus meines Behindertensport-Verbandes abzuholen, ich bekam den Bus kostenlos zur Verfügung gestellt. Bis spät in die Nacht bepackte ich den Bus, Ihr glaubt ja gar nicht, was ich da alles mitnehmen musste. Hier eine kleine Aufzählung: Bahnrad mit Ersatzlenker und zwei Laufrädern, Zeitfahrrad mit Aerolaufrädern und Hinterradscheibe aus Carbon, Straßenrad natürlich auch mit zwei Ersatzlaufrädern, dazu später noch mehr, Warmfahrrolle für Bahn und Straße, Schläuche, Bereifungen, Standpumpe, Werkzeugtasche, usw. der Bus war voll bis unters Dach.

Am Donnerstagmorgen ging es dann los. Zuerst durch die Eifel, quer durch Belgien nach Holland, vorbei an Maastricht, Eindhoven, Amsterdam und zum Ziel nach Aalkmar.

Ich fuhr direkt zur Radrennbahn, wo sich die Mannschaft zum ersten Bahntraining und zum kennen lernen der Bahn um 15 Uhr traf. Der erste Eindruck war sehr gut: eine fast neue Halle; die 250m Holzbahn lief von Anfang an sehr gut, eine schnelle Bahn. Nach dem Training sollte es im Zelt vor der Radrennbahn das erste Abendessen geben. Wir waren alle sehr gespannt, wie es hier in Holland um die Kochkunst so steht, in diesem Zelt sollten wir während der gesamten Bahnwettbewerbe verpflegt werden. Halleluja !! Sportler gerechte Ernährung war das nun wirklich nicht, was wir da jeden Tag aufgetischt bekamen.

Für mich, ich esse ja kein Fleisch, war es schon sehr schwierig jeden Tag meinen Kohldampf dort am Tisch zu bekämpfen. Wenn es schon mal Reis gab, dann aber mit Fleisch oder bei Gemüse wieder mit Speckwürfel drin, so musste ich mich wie ein Huhn pickend über die Runden bringen. Das Mittagessen war jeden Tag gleich: Toast, Toast, Toast mit Käse oder Wurst. Da konnten die lieben Helfer und Helferinnen nichts verkehrt machen. Man sagte uns, das sei so üblich hier in den Niederlanden. Nach dem „feudalen“ Mahl fuhren wir ins Hotel. Was uns hier wohl erwarten würde? Von außen sah es aus wie ein Krankenhaus, aber der äußere Schein trug, Es war OK, sehr nett eingerichtet.
Was alle störte oder sagen wir überraschte, war die Tatsache, dass es keine Fernseher auf den Zimmern gab. Im Nachhinein war das aber in Ordnung. Wir trafen uns dann alle zusammen abends zum Fernsehen, was auch sehr lustig war und man wurde ein wenig auf andere Gedanken gebracht, um nicht ständig an den Wettkampf zu denken.

Apropos Wettkämpfe: die begannen dann endlich am Samstag, zuerst musste ich in der 4000m Verfolgung in die Qualifikation. Hier ist es wichtig, unbedingt unter die letzten vier zu fahren, denn nur die besten vier Zeiten kommen eine Runde weiter, anderenfalls wäre dieser Wettbewerb für mich schon zu Ende gewesen.
In den Finalläufen, die am nächsten Tag ausgefahren werden, fährt die schnellste Zeit im großen Finale um Gold gegen die zweite Zeit und das kleine Finale um Bronze bestreitet die dritte Zeit gegen die vierte Zeit.
Die Verfolgung heißt aus dem Grund so, weil auf jeder Seite der Bahn ein Rennfahrer startet und das man versuchen sollte seinen Gegner einzuholen oder eben eine bessere Zeit als sein Gegenüber zu erzielen.

Ich wurde in die letzte Paarung ausgelost und musste gegen den aktuellen Weltrekordhalter und Paralympics Sieger Roberto Alcaide fahren. Roberto konnte für mich aber nicht das Maß sein, denn er und Jiri Jezek fahren in einer anderen Liga: sie sind Profis. Mein Ziel hieß ganz klar, unter die besten vier zu fahren. Von den Vorleistungen aus gesehen war mir klar, dass Roberto etwa in der achten bis zehnten Runde mich einholen und überholen würde. Ich hatte mich vom Kopf her darauf eingestellt, wenn er vorbeiziehen würde, so lange wie möglich in seinem Windschatten zu fahren und vielleicht so noch das eine oder andere Zehntel herauszuholen, um damit den Kampf um die Bronze Medaille offen zu halten. Meine Hoffnung wurde aber nur in einem Punkt erfüllt: er kam am Ende der achte Runde an mir vorbei, jedoch mit einem Tempo, das mir überhaupt keine Chance blieb, auch nur einen Meter in seinem Windschatten zu folgen. Ich dachte mir nur: „oh verdammt, was läuft denn hier ab?“ Roberto musste sich gegenüber Athen nochmals gewaltig gesteigert haben, denn mit so einem Tempoüberschuss ist vorher noch niemals jemand an mir vorbei geschossen. Ich konzentrierte mich jetzt nur noch auf mich. Ich kämpfte verbissen bis meine Muskulatur brannte und mein Rachen schmerzte vom schnellen Hecheln nach Luft. Geschafft: Ich fuhr die drittbeste Zeit und hatte mein erstes Ziel, das kleine Finale gegen meinen langjährigen Französischen Freund Patrik Cerria, erreicht. Das große Finale erreichten wie erwartet Jiri Jezek, der seine Bestzeit um vier Sekunden verbesserte, und der Spanier Roberto Alkaide, der mit einem absoluten Fabelweltrekord seine Zeit von Athen um fast 10 Sekunden verbesserte. Absoluter Wahnsinn!

Jetzt hieß es, zuerst meine Beine auf dem Rad locker fahren, um dann anschließend von Katrin, unserer Physiotherapeutin, auf der Massage Bank die Muskulatur für den nächsten Tag fit kneten zu lassen.
Nach der Dusche und dem Abendessen ging ich früh schon ins Bett, aber die Gedanken an das Rennen am nächsten Tag ließen mich einfach nicht einschlafen. Man sollte zwar meinen, dass einem so erfahrenen alten Haudegen die Nervosität kalt ließe, aber das ist bei mir eben nicht so. Direkt vor den Rennen bin ich total cool, weil ich mich aufs Rennen konzentriere, aber der Abend davor ist schon sehr nervig.
Am nächsten Tag saß ich zwei Stunden vor meinem Start auf dem Straßenrad und machte mich draußen auf den zahlreichen Radwegen warm, nach zwei, drei Tempoeinheiten war ich dann pünktlich eine Stunde vor dem Start wieder im Radstadion. Ich setzte mich in unserer Deutschen Box in eine Ecke, um mich auf meinen Lauf zu konzentrieren.

Plötzlich Rufe von der Zuschauertribüne hinter mir: hallo Gotty, hallo Gotty! Bevor ich mich umdrehte, wusste ich schon, wer danach mir rief, denn es gibt nur eine Frau hier in ganz Holland, die mit so einem sympathischen Schweizer Akzent spricht. Ich drehte mich um und natürlich, es war Monique Jenni, die Promotionmanagerin von meinem langjährigen Sponsor Össur, dem weltweit führenden Produzenten von Orthopädischen Produkten. Nach einer kurzen Begrüßung versank ich wieder in meine Konzentrationsphase,wo mir dann plötzlich ein Rennen von der Europameisterschaft 1995 durch den Sinn schoss. In diesem Rennen fuhr ich auch gegen meinen heutigen Gegner Patrik Cerria, den ich damals bei der EM besiegte und darüber hinaus auch noch einen neuen Weltrekord aufstellte. Mit dieser positiven Motivation ging ich an den Start. Ich atmete noch mal tief durch und schon ertönten die letzten fünf akustischen Sekundensignale bis zum Start.

Ich kam sehr gut aus der Startmaschine raus und ich fand auch schnell meinen Rhythmus. Mein Trainer an der Seitenlinie zeigte mir in jeder Runde den Abstand zu Patrik an, der wie erwartet sehr schnell startete. Ich fuhr meinen geplanten Rhythmus weiter auch als ich nach drei Runden einen kleinen Rückstand angezeigt bekam. In der sechsten von sechzehn Runden kippte dann das kleine Finale zu meinen Gunsten. Ich kam Runde um Runde näher an meinen Gegner heran, ich hatte ihn auf der Geraden schon ganz nah vor mir.

Die letzte Runde „ Der erlösende Schuss“, die
Verfolgung wird mit einem Pistolenschuss durch den Oberkampfrichter abgeschossen, es war geschafft! Ich hatte mir die Bronzemedaille erkämpft. Ich war sehr, sehr glücklich über meine fünfzehnte internationale Medaille seit meinem ersten Start bei der WM 1994
im Belgischen Gent. Trotz aller Glücksgefühle und Freude über die Medaille verschwendete ich keine Gedanken an feiern oder Party machen, denn nach zwei Tagen Pause standen ja bereits die Straßenwettbewerbe auf dem Programm.

Als erster Straßenwettbewerb startete das
Einzelzeitfahren über 24km zu einer sehr frühen morgendlichen Stunde bereits um 9 Uhr. Als Hintergrund zu solch einem frühen Start sollte man wissen, dass man als Sportler vor einem Wettkampf vier Stunden vorher bereits aufstehen und gefrühstückt haben sollte, das heißt dann natürlich bereits um kurz vor 5 Uhr raus aus den Federn.
Ich kam an diesem Tag sehr gut auf die Beine und ich fühlte mich sehr gut am Start, es fällt einem ein bisschen leichter, am Abend vorher einzuschlafen, wenn man bereits eine Medaille erkämpft hat, also keinen Druck verspürt, unbedingt heute in die Medaillenränge zu fahren.

Genau um 9 Uhr16 ging es mit akustischer Unterstützung von Monique Jenni los, sie hatte sich auch sehr früh morgens auf den Weg gemacht, um uns Sportler hier anzufeuern. Ich ging die erste halbe Runde mit etwa 90% an, um die Muskulatur nicht gleich zu übersäuern, aber dann merkte ich, dass es sehr gut lief und drehte den Turbo auf maximale Leistung. Bei Kilometer sechszehn langte ich bei der Zwischenzeit auf Platz vier mit sehr guten Möglichkeiten, um weiter nach vorne zu kommen.

Nach der zweiten Zieldurchfahrt folgte eine scharfe Linkskurve, hier ereilte mich ein Missgeschick, das es auch nicht alle Tage gibt. Ich bremste aus ca. 50km/h ab, um mich in diese Kurve zu legen, doch plötzlich blockierte das Hinterrad und es drohte ein Sturz. Ich lenkte sehr schnell dagegen und richtete mich auf, um einen Sturz auf die Straße zu verhindern, jedoch ging mir jetzt die Straße aus und es ging geradewegs einen Damm hinunter aufs Wasser zu. Reaktionsschnell warf ich mich auf die linke Seite, um einen Sturz in diese grüne Brühe zu vermeiden, was mir auch gelang. Ich landete sehr weich im hohen Schilfgras.
Mühsam krabbelte ich alleine den Damm hinauf und setzte mein Rennen mit Wut im Bauch fort. Es war ja niemand da, der mir hätte helfen können, denn ein Materialfahrzeug mit Betreuer, das mir in solch einem Fall hätte helfen können, war nicht erlaubt. Ich landete am Ende auf einem für mich enttäuschenden fünften Platz.

Nach der Computerauswertung sah man, dass ich vom Abbremsen in der Kurve bis zum Weiterfahren 38 Sekunden verloren hatte und mit so einem Rückstand hat man nun mal keine Chance weiter nach vorne zu kommen. Der Grund für die Blockade des Hinterrades war ein Bremsklotz der durch die entstehende Hitze beim Anbremsen auf der Karbonscheibe kleben blieb und mir damit alle Medaillenchancen zunichte gemacht hatte.
Jetzt hieß es, so schnell wie möglich dieses Missgeschick abzuhaken, um sich auf morgen zu konzentrieren, da stand ja bereits das abschließende Straßenrennen auf dem Programm.

Nach dem Frühstück am nächsten Morgen, bei herrlichem Sonnenschein, fuhr ich mit meinem Rennrad hinaus zur Rennstrecke zum letzten Rennen der EM 2005 in Aalkmar. Als ich dort ca. 1 Stunde später ankam, traute ich meinen Augen und Ohren nicht, denn es begann plötzlich aus heiterem Himmel zu gewittern und zu stürmen, es goss wie aus Kübeln. Alles Jammern half nichts, Radrennen finden bei jedem Wetter statt, meine Konkurrenten und ich standen pünktlich am Start, um uns trotz dem miesen Wetter einen heißen Kampf zu liefern.
In strömendem Regen erfolgte der Startschuss, sofort wurde attackiert, um das Rennen schnell zu machen, damit sich umgehend die Spreu vom Weizen trennen sollte. Wie erwartet, waren die Favoriten Jiri Jezec, Roberto Alcaide und Eduard Novak die Aktivsten, ich wusste genau wenn eine Attacke von einem dieser drei Rennfahrer kommen würde, müsste ich an dem Hinterrad sein und genau so kam es auch. Zu Beginn der zweiten Runde setzte der Rumäne Eduard Novak einen Angriff, der so hart war, dass es das ganze Feld zerriss. Ich hatte genau richtig spekuliert und sein Hinterrad erwischt. In meinem Windschatten folgten Jiri und Roberto, die nächste Gruppe hatte bereits einen Rückstand von ca. 200 Metern. Er legte ein dermaßen schnelles Tempo vor, dass ich in seinem Windschatten fast an meinem Limit fuhr. Als es in eine schnelle Kurve ging, geschah für mich mein persönlicher „Supergau“. Mein Hinterrad rutschte etwas merkwürdig weg, aber ich stürzte nicht, Jiri musste mir ausweichen, um nicht zu stürzen. Ich dachte noch, wegen der nassen und schmierigen Straße sei mein Rad weggerutscht. Nein, nein es durfte doch nicht sein, wieder mal ich, wieso verdammt noch mal immer ich der soviel Pech hat, ich hatte einen Plattfuss.

Ich stand jetzt hier auf einem gottverlassenen holländischen Feldweg wie ein begossener Pudel, vorne ging weiter die Post ab und von hinten kamen die abgehängten Rennfahrer an mir vorbei geschossen, ich schaute ihnen mit einem starren und vollkommen leeren Blick perplex hinterher. Plötzlich war ich ganz alleine, kein Zuschauer, kein Offizieller und schon gar kein Materialwagen, der mir in null Komma nichts ein neues Hinterrad hätte geben können, damit ich weiterhin eine Chance gehabt hätte, um die Medaillen mitzukämpfen. Alles umsonst: Die gesamte Vorbereitung mit all den Schmerzen und Entbehrungen, die vielen Vorbereitungsrennen in ganz Europa, alles hatte hinten anstehen müssen, ja auch die Familie war mal wieder viel zu kurz gekommen und nun das, ein lächerlicher Plattfuss machte alles kaputt. Schlimmer noch, diese drei in der Spitzengruppe schafften es, sich entscheidend abzusetzen, ich wäre dort dabei gewesen mit der Chance, um eine Medaille zu kämpfen.
In dieser Spitzengruppe spielten sich noch weitere kleine Dramen ab. Zunächst bekam Jiri einen Platten, mit viel Glück rettete er den dritten Platz und in der letzten Kurve, ca. 500m vor dem Ziel, erwischte es auch noch Roberto, sodass Eduard Novak der glückliche Europameister wurde. Insgesamt hatten acht Rennfahrer einen Defekt, von denen sechs so wie ich das Rennen vorzeitig beenden mussten.

Bereits im Vorfeld der Einzelzeitfahrten und der Straßenrennen hatte es Streit zwischen dem Veranstalter und den Teamleitern der Nationen gegeben, da der Veranstalter keine Materialfahrzeuge während der Rennen zuließ. Auch heftigste Proteste von uns Rennfahrern nutzte nichts. Solche Zustände müsste man sich mal bei den Profis erlauben! Ich bin überzeugt, die würden unter diesen Umständen erst gar nicht an den Start gehen.

So etwas darf sich in Zukunft nicht wiederholen. Die Verantwortlichen müssen sich zusammensetzen und dem nächsten Ausrichter von internationalen Wettkämpfen vorschreiben, dass Materialwagen ein absolutes Muss sind, denn von den Rennfahrern verlangt man mehr und mehr Professionalität. Gleiches muss man auch von den Ausrichtern oder Veranstaltern verlangen können.

So viel von mir, ich wünsche Euch eine schöne Zeit.

Life goes on, Euer Gotty!

 
 

 

 

 


...los geht's Gotty!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Gotty in action

 

 

 

 

 


Vereinskamerad Matthias

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Gotty bei der DM Weil

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Gotty mit seinem Sohn Auch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Gottys Katze genießt die Sonne


Tagebuch 3 von Gotty Müller

Ready, steady, go!

Hallo Leute, in meinem letzten Tagebuch habe ich von meinen Vorbereitungen für die neue Saison berichtet und heute möchte ich Euch erzählen wie es mir so bei den vielen, vielen Rennen in der ersten Saison Hälfte ergangen ist.

Meine Saison-Planung musste ich auf zwei
Trainingshöhepunkten aufbauen.
Zunächst galt es mich auf die Qualifikationsrennen für die Europa-Meisterschaften Mitte August in den Niederlanden in Höchstform zu bringen, um dann – nach hoffentlich erfolgreicher Nominierung – einen zweiten noch besseren Trainingszustand für die EM zu erreichen.

Hier die sehr wichtigen acht Rennen die für die Qualifikation zur Europa-Meisterschaft zählen:
Den Anfang machen die Deutsche Bahnmeisterschaften in Augsburg mit dem 1000m Zeitfahren und der 4000m Verfolgung, gleich gefolgt von den ersten Rennen im Europacup in München, wo ein Einzelzeitfahren und das Straßenrennen absolviert werden müssen. Diese ersten vier Quali Rennen finden im Mai und die restlichen vier im Juni statt. Zuerst musste ich Anfang Juni in die Schweiz zum zweiten Europacup Rennen, um dann Mitte Juni die erste Saisonhälfte mit den Deutschen Straßenmeisterschaften abzuschließen. Viele von Euch wissen, dass ich sowohl bei ganz normalen Amateur- und Master-Rennen wie auch bei Handicap Radrennen starte. In den ersten beiden Rennmonaten März und April finden fast ausschließlich Amateurrennen statt. Bei diesen Rennen hole ich mir die Power und Kraft, um dann Anfang Mai bei den ersten Handicaprennen in sehr guter Form durchstarten zu können.Als ich vor einigen Jahren meine ersten Nichtbehinderten-Rennen fuhr, bekam ich von sehr vielen Rennfahrern Aufmunterung und Lob: „ Super, dass du dich traust, hier mitzufahren“ oder „ Was ein Glück, dass du nur ein Bein hast, denn sonst hätten wir keine Chance“. Heute bin ich bei den „normalen“ Rennfahrern voll akzeptiert, ja es ist sogar so, dass man mich als Konkurrent sieht, denn wenn ich eine Attacke fahre, bleibt niemand der anderen Rennfahrer sitzen, sie wissen genau: Wenn sie mich mal weg fahren lassen, kann ich ein Rennen auch gewinnen.

Gleich nach dem zweiten Trainingslager, ich kam ja gerade erst am Ostersamstag vom Trainingslager aus Lloret de Mar zurück, stand am Ostermontag das erste Rennen im saarländischen Saarlouis im Rennkalender.
Für die meisten der über 100 Starter war es wie für mich auch der Saisoneinstand, der lediglich eine Standort Bestimmung ist und dazu dient, den aktuellen Wettkampf-Status zu erhalten. Dann folgten Rennen auf Rennen: Fast jedes Wochenende ging es in die Pfalz oder ins Saarland, es ging nach Überherren, nach Offenbach, nach Saulheim oder nach Dudenhoffen. Es lief jedes Wochenende besser und besser, meine Formkurve zeigte stetig bergauf, die Deutschen Bahnmeisterschaften konnten kommen. Am letzten Mai Wochenende war es dann endlich soweit, am Donnerstag, den 26. Mai, standen die Bahnmeisterschaften in Augsburg und am Samstag, den 28. Mai, die Europacup Rennen auf dem Programm.

Um 14 Uhr war mein Start über die 1000m im Zeitfahren. Ich spulte routiniert mein Vorbereitungsprogramm ab und stand dann pünktlich um 14 Uhr am Start, als es dann endlich mit den Worten „auf die Plätze, fertig, los!“ abging.

Ich kam sehr gut vom Start weg und erreichte sehr schnell ein Tempo von über 50 Stundenkilometer. Ich hatte während des Rennens ein gutes Gefühl, meine Beine fühlten sich gut an und so kam am Ende eine bessere Zeit heraus, als in der Vorbereitung für Athen.
Ich siegte über die 1000m vor meinem
Vereinskameraden Matthias Schloss und auf den dritten Platz kam Jürgen Kalfass aus der Nähe von Freiburg.

Jetzt galt es, sich sehr schnell zu erholen, denn schon in einer Stunde standen die 4000m Verfolgung auf dem Zeitplan. Schnell eine Banane rein und die Beine für eine halbe Stunde hochlegen, dann total abschalten und entspannen.
Eine halbe Stunde vor dem Start begann ich mit der Vorbereitung auf der Rolle, hier musste jetzt der Kreislauf einige Male kurz voll belastet werden, damit mir dann im Rennen nicht gleich nach dem Start „die Beine zu gehen“, wie es in der Rennfahrer Sprache heißt. Wie schon bei den 1000m lief es hier auch sehr gut: mit der Zeit von 5:08.22min war ich für diesen frühen Saison Zeitpunkt sehr zufrieden. Die Reihenfolge auf dem Siegertreppchen war dieselbe wie eine Stunde zuvor. Ich holte mir mit diesen beiden Siegen meine Deutschen Meistertitel Nr.35 und Nr.36. Ein schöner Erfolg!

„Life goes on” – Euer Gotty!


Fortsetzung:

Die Qualifikation für die EM in Aalkmar

Nach einem Tag Pause stand das erste Europacup Rennen mit einem Einzelzeitfahren und dem Straßenrennen in München an.
Die EC-Rennen sind eine echte internationale Standortbestimmung, da hier fast alle Europäischen Rennfahrer am Start sind. Hier sieht man dann schon sehr deutlich, wo man steht und woran man noch härter und intensiver trainieren muss.

Um 11 Uhr morgens starteten wir mit dem
Straßenrennen über 50km. Die Strecke führte entlang der Olympia Ruderregattastrecke von 1972. Trotz sehr vieler Attacken gelang es keinem Rennfahrer auf der flachen Strecke sich abzusetzen und so kam es zu einem Massensprint Finale wo ich der Glücklichere war und sehr knapp mit einigen Zentimetern vor einem Österreicher und einem Franzosen gewann. Auch nach diesem Rennen hieß es, sich kurz verpflegen, ausruhen und sich auf das um 15 Uhr angesetzte Einzelzeitfahren über 20km zu konzentrieren.

Das Vorbereitungsprogramm auf ein Zeitfahren läuft bei mir schon seit Jahren immer gleich ab. Bei gutem Wetter fahre ich eine Stunde vor dem Wettkampf mit der Zeitfahrmaschine zum Warmfahren. Nach einem lockeren einrollen folgen zwei kurze ca. 4-5 min. Tempoeinheiten mit ca. 90% der maximalen Leistung mit einer 15min Intervallpause, 90% bedeuten bei mir ein Pulsbereich von 160 – 170 Schlägen in der Minute. Bei schlechtem Wetter fahre ich mich mit dem Straßenrad auf der Rolle mit denselben Einheiten warm.
Da ich dieses Rennen im letzten Jahr gewinnen konnte, startete ich als letzter und hatte die sehr starken Rennfahrer mit einer Minute jeweils vor mir. Das kann schon ungemein helfen, wenn man den Konkurrenten vor sich sieht.

Ich fand sehr schnell meinen Rhythmus, das heißt, dass man von Anfang an nicht überdreht und zum Ende hin stirbt, ebenso darf man nicht zu langsam starten, denn die verlorene Zeit holt man am Ende nicht mehr rein. Es wurde am Ende sehr knapp, aber ich konnte meinen Sieg aus dem vergangenen Jahr wiederholen und ließ den Österreicher Wilberger mit 6sek. hinter mir. Die erste wichtige Hürde zur Quali fürs
Europameisterschafts-Team hatte ich mit zwei Siegen erfolgreich geschafft. Aber auf seinen Lorbeeren ausruhen ist nicht, denn am kommenden Wochenende stand ja schon das nächste Europacup Rennen in der Schweiz auf dem Plan, wo ich mich wieder gegen die internationale Konkurrenz behaupten musste.

Gippingen ist schon was ganz besonderes für uns Handicap Rennfahrer, denn hier in der Schweiz starten wir im Rahmenprogramm der Profis und die Veranstalter behandeln uns genauso wie unsere großen Vorbilder auch. Bei keinem anderen Rennen werden wir so hofiert, die Siegerehrung findet auf der großen Bühne statt, wir bekommen ein schönes Preisgeld – immerhin so um die 100 Franken – und nach den Rennen gibt es in den VIP Zelten reichlich zu essen und zu trinken, natürlich alles kostenlos. Jedoch wer kennt die Weisheit nicht: „Ohne Fleiß, kein Preis“! So auch hier in der Schweiz.

Das Straßenrennen ist besonders schwer, es müssen zwei Anstiege pro Runde bewältigt werden, hier haben die Bergfahrer einen kleinen Vorteil und ich muss schon sehr kämpfen, um am Berg den Anschluss nicht zu verlieren. Ich hatte an diesem Tag sehr gute Beine, es hatte sich eine größere Gruppe vom restlichen Feld abgesetzt, die letzten beiden Anstiege lagen hinter uns und der Rest der Runde war nur noch flach bis zum Ziel.

Es sollte wieder mal zu einer Sprint-Entscheidung kommen, hier muss man Mut haben, absolut cool bleiben und erst ganz zum Schluss aus dem Windschatten heraus fahren. Auf den letzten 200m ging das große Gerangel mit Schubsen und Stoßen und dem Ausfahren der Ellenbogen los. Es lief sehr gut für mich, bei 50m scherte ich aus dem Windschatten der beiden Österreicher aus und fuhr vorbei. Doch ich hatte die Rechnung ohne den Franzosen Sebastian Serriere gemacht. Er nutzte wiederum meinen Windschatten aus und fuhr wenige Zentimeter vor mir über die Ziellinie. Nun gut, zweiter Platz bei so einem schweren Rennen.

Ich war sehr zufrieden mit meiner Leistung und gratulierte Sebastian fair für die noch etwas bessere Leistung als meine.

Am nächsten Morgen klingelte mein Wecker bereits um 6 Uhr, denn der Start zum Einzelzeitfahren war für 10 Uhr angesetzt. Das heißt für uns Rennfahrer, dass wir so ca. 3-4 Stunden vor dem Wettkampf die letzte größere Mahlzeit zu uns nehmen sollten, damit die Verdauung während des Rennens abgeschlossen ist und nicht noch zusätzlich den Kreislauf belastet. Wie schon vor einer Woche in München ging ich auch hier als letzter an den Start, jedoch schon nach 2-3km spürte ich, dass sich meine Beine sehr schwer anfühlten und vom Rennen am Vortag noch nicht richtig erholt waren, es sollte heute für mich ein Kampf gegen mich selbst werden. Als ich nach 15km im Ziel war, fühlte ich mich so kaputt wie selten vorher, aber als ich dann meine Platzierung über den Lautsprecher hörte, war ich doch sehr über den zweiten Platz überrascht und erfreut: Damit hatte ich nie und nimmer gerechnet! Es hatte sich wieder mal gezeigt, dass man immer, auch wenn man sich nicht gut fühlt, doch bis zum Schluss kämpfen muss, um seine Chancen zu nutzen, denn den anderen Rennfahrern erging es wahrscheinlich genau so wie mir.  Es siegte Christian Wilberger aus Österreich und auf den dritten Platz kam sein Teamkollege Ernst Scheibner hinter mir ins Ziel.

Ich war insgesamt sehr happy, hatte ich doch mit diesen Platzierungen hier in Gippingen und letzte Woche in München das Ticket für die EM in Holland in der Tasche. Ich hatte ja nicht nur gegen die internationale Konkurrenz gut ausgesehen, sondern es konnte mich auch keiner meiner Teamkollegen besiegen.

Jetzt konnte ich entspannt nach Weil am Rhein zu den Deutschen Straßenmeisterschaften schauen, die zwei Wochen nach Gippingen stattfanden.
Die Deutschen Titelkämpfe finden üblicherweise wie die Europacups auch an zwei Tagen statt. Den Anfang machte am Samstag das Zeitfahren über 11,9km und am Sonntag folgte dann das Straßenrennen über 69km. Wie schon erwähnt, konnte ich ganz locker an die Rennen ran gehen, der Druck für die EM Quali war weg, aber ich wollte diese beiden Titel nicht kampflos hergeben.  Nach dem Warmfahren ging es um 14 Uhr für mich los. Gleich vom Start weg lief es hervorragend, denn auf dem ersten Teil der Strecke hatten wir leichten Rückenwind. Ich konnte es zuerst gar nicht glauben, als ich auf meinen Tachometer schaute und er mir eine Geschwindigkeit von 50km/h anzeigte, wie gesagt bis zur Hälfte der Strecke Rückenwind, und zurück hieß es dann: kämpfen!

Es lohnte sich wieder mal, ich siegte im Zeitfahren mit über einer Minute Vorsprung mit einem fast unglaublichen Schnitt von 44km/h. vor Matthias Schloss und Jürgen Kalfass, der nochmals eine Minute später ins Ziel kam.

Das Straßenrennen am nächsten Morgen fand in der Innenstadt von Weil am Rhein statt, die Veranstalter erhofften sich dadurch mehr Zuschauer, doch diese Hoffnung erfüllte sich leider nicht, im Schwimmbad war sicherlich Hochbetrieb.
Bei Temperaturen von über 30°C starteten wir um 13 Uhr auf dem kleinen Rundkurs in Weil, den wir über 50 Mal umrunden mussten. Gleich von Beginn an wurde ständig attackiert und es setzte sich eine Spitzengruppe vom Feld ab, die dann den Sieg unter sich aus machen sollte. Ich konnte alle meine Konkurrenten hinter mir lassen und ich holte mir meinen Deutschen Meistertitel Nr. 38. Matthias Schloss wurde zweiter und verwies Andy Walz auf den dritten Platz.

Nach diesem Rennen hatten wir Rennfahrer unseren Teil zur Qualifikation für die EM in Aalkmar abgeliefert. Jetzt hieß es Geduld haben und auf die Antwort vom Deutschen Behinderten Sportverband warten, für einige heißt das Hopp oder Top.

Meine Trainings-Planungen gingen aber ganz klar auf die EM hin. Nach der DM fuhr ich zusammen mit meiner Frau Marita nach Südfrankreich zum Trainingslager Urlaub. Marita ist ein absoluter Sonnenanbeter und kann sich einfach so mehrere Stunden in die Sonne legen und nichts tun, sie sagt immer das ist für mich Urlaub, Sonne, Sonne und noch mal Sonne. Ich machte einen zweiwöchigen Grundlagen Ausdauer Trainingsblock mit Krafteinheiten in den Bergen, um dann nach unserer Rückkehr mit den intensiven Wettkampf-Vorbereitungen zu beginnen. Soviel bis hierher von mir zu den Vorbereitungen für das große Ziel, die EM.

Im nächsten Tagebuch berichte ich Euch von den Europameisterschaften aus Aalkmar von den Wettkämpfen auf der Radrennbahn und auf der Straße. Ich werde aber auch von dem „Drumherum“ der Veranstaltung berichten, da es in der Vergangenheit sehr oft kuriose Dinge um den Sport herum gab.

Ich wünsche Euch noch eine schöne Zeit, bis bald.
„Life goes on“

Euer Gotty

 
 

 

 

 


Gotty beim Training


Tagebuch 2 von Gotty Müller

Neues Spiel, neues Glück?
Der lange, harte Weg zum Erfolg

Hallo Leute, heute möchte ich Euch von meinen Vorbereitungen für die neue Saison berichten. Ich werde sehr oft von Arbeitskollegen und Bekannten angesprochen bezüglich des Trainings in den Wintermonaten: „was machst Du eigentlich wenn es schneit, regnet oder sehr kalt ist.
Darauf kann ich nur antworten: „ Trainieren, trainieren und noch mal trainieren.

Wie ich Euch beim letzten Mal erzählte, beginnt unsere neue Saison am 1. November mit lockerem Einradeln im Grundlagenbereich, das heißt in Pulsbereichen zwischen 120 bis 140 Schläge pro Minute. Dieser Trainingsbereich wird im Jahreszyklus des Radrennsports der Übergangsbereich genannt, man beginnt hier einfach, sich wieder an regelmäßige Belastung zu gewöhnen, aber ohne größere Belastungen auf dem Rennrad.

In dieser Phase beginne ich zunächst immer mit dem Training im Kraftraum, später fahre ich dann zwei bis dreimal pro Woche ins Studio, um die allgemeine Rumpfmuskulatur und speziell auch die Muskelgruppen, die fürs Radfahren sehr wichtig sind, aufzubauen. Ein Beispiel soll Euch verdeutlichen, mit welchen Gewichten ich hier arbeite, um die Power für die neue Saison zu bekommen. Im Studio gibt es eine Maschine die Beinpresse heißt, einige von Euch werden selbst schon einmal an so einer Maschine trainiert haben. Ich arbeite an dieser Maschine immer abwechselnd mit einem Bein, 15 Wiederholungen mit rechts, dem gesunden Bein, und dann 15 Wiederholungen mit links, mit der Prothese, um so beide Beine auf das gleiche Kraftpotential aufzubauen, damit stelle ich einen absoluten runden Tritt auf dem Fahrrad sicher. Im Maximal Kraftbereich schaffe ich mit einem Bein jeweils 110kg, wobei ich immerhin noch fünf Wiederholungen mit links und mit rechts schaffe.
Ihr könnt ja bei Eurem nächsten Fitness Studio Besuch einmal versuchen wie viel Kg Ihr maximal auf der Beinpresse gedrückt bekommt.

Ab Januar endet die Übergangsphase und ich beginne dann mit der ersten Vorbereitungs-Trainingsphase. Diese Phase ist für die weitere Saisonplanung sehr wichtig, da es hier darauf ankommt, das Fundament für die Saison zu erarbeiten, um dann später die Spitzenbelastungen überhaupt aushalten zu können.
Da wir in diesem Jahr bereits Anfang Februar zum ersten Trainingslager nach Mallorca gingen, musste ich in diese Vorbereitungsphase lange Trainingsblöcke einbauen, damit das Traininglager nicht nur zur Qual wurde.

Eine Januar Vorbereitungswoche
sah bei mir z.B. so aus.


| Montag: Fitness Studio, Max Kraft und allgemeine
Fitness, 2,5 Stunden

| Dienstag: Rad Straßentraining 80km

| Mittwoch: Rad Straßentraining 100km

| Donnerstag: Fitness Studio, Max Kraft und
allgemeine Fitness, 3 Stunden

| Freitag: Rad Straßentraining 100km

| Samstag: Rad Straßentraining 120km

| Sonntag:
Rad Straßentraining 140km

Das Straßentraining wird überwiegend
im Grundlagenbereich mit hoher Trittfrequenz und im K3 Bereich gefahren, wo die „Kraft mit Rad“ im Vordergrund steht und analog dazu das Kraftstudio, wo die Maximalkraft trainiert wird.

An den Tagen, an denen es regnete oder gar schneite, musste ich den schweren Gang in den Keller gehen, um auf der Rolle zu trainieren. Die Rolle ist ein Trainingsgerät, in das ich mein Rennrad einspanne und über einen Computer den Widerstand verändern kann, um so die verschiedenen Straßenverhältnisse simulieren zu können. Die Rolle ist bei den Rennfahrern sehr unbeliebt, da es sehr öde ist, 3 bis 4 Stunden auf der Stelle seine Kilometer abzustrampeln. Dazu kommt noch der fehlende Fahrtwind, wodurch man sehr stark ins Schwitzen kommt und nach dem Training meistens eine große Pfütze unter dem Rennrad steht: Es ist nicht wirklich angenehm!

Anfang Februar war es dann endlich so weit, auf nach Mallorca in den Spanischen Frühling. Zum ersten Trainingslager nach Mallorca kamen insgesamt 40 Rennfahrer, zwei Trainer, zwei Betreuer und ein Physiotherapeut. Wir wohnten für zehn Tage in einem vier Sterne Radsport Hotel, im Südwesten der Insel, in Magaluf. Bei der Ankunft in Palma zeigte sich das Wetter von seiner besten Seite, blauer Himmel und
15°C, optimale Trainingsbedingungen.

Am Abend wurde dann in einer ersten
Mannschaftsbesprechung der Trainingplan für die zehn Tage aufgestellt. Es sollten zwei Trainingsblöcke von je vier Tagen Belastung mit einem Ruhetag trainiert werden. Der erste Block begann mit 100km am ersten Tag, dann 120km,140km und am vierten Tag 150km und der zweite Block startete nach dem Ruhetag mit 110km, dann 130km, 150km und am letzten Tag zum Abschluss die Königsetappe mit 170km.

Jetzt wo ich das so aufschreibe geht mir das so einfach von der Hand aber wie sehr ich, besonders bei den sehr langen Etappen, gelitten habe könnt Ihr Euch gar nicht vorstellen. Immerhin sitzt man bei den langen Etappen 6 bis 7 Stunden im Sattel und das zu einer Zeit, da einem das sprichwörtlich „dicke Fell“ am Hinterteil noch fehlt.

Das notwendige Trainieren im Traininglager ist die eine Seite, die hier geschult werden muß, aber auch das kameradschaftliche Miteinander und den Einbau der „Neuen Jungen Nachwuchsrennfahrer“ gehört genauso zur Aufgabe der Trainer, Betreuer und auch von mir als Aktivensprecher.
Hier eine Supertruppe zusammenzuschweißen, die sich dann im Wettkampfstress gegenseitig beruhigen oder auch aufputschen kann, ist entscheidend. Ich bin mir sicher, dass wir hier wieder eine schlagkräftige Truppe für die im August in den Niederlanden stattfindende Europameisterschaft zusammengebracht haben. Nach der Rückkehr von Mallorca stand dann zunächst eine Woche lockeres Training auf dem Plan, bevor dann die Vorbereitungen fürs zweite Trainingslager in Lloret de Mare, Mitte März, begannen.

Dieses zweite Trainingslager, eine Kooperation zwischen dem Behindertensportverband Rheinland-Pfalz und meinem Verein RV „Freiweg“ Serrig, organisierte ich zusammen mit meiner Frau Marita. Wie schon viele Male zuvor, trainieren hier behinderte und nichtbehinderte Radrennfahrer zusammen. Alle fahren dieselben Distanzen, ob bergauf oder bergab.

Da ich für die Leitung des Trainingslagers und als Trainer der Rennfahrer meines Vereines zuständig war, musste ich mich zusammen mit Marita um die Unterkünfte kümmern, die Fahrt musste mit Bussen organisiert werden und ich stellte die Etappen für die sieben Trainingseinheiten zusammen.

Bei diesem Trainingslager standen gegenüber Mallorca, wo überwiegend im Grundlagenbereich trainiert wurde, schon wesentlich härtere Kraft- und Tempoeinheiten auf dem Programm, denn schon wenige Tage nach unserer Rückkehr stand das erste Rennen im Saarländischen Saarlouis im Rennkalender. Die Distanzen der einzelnen Etappen waren ähnlich lang wie im Februar auf Mallorca. Zum Glück überstanden wir die beiden Trainingslager ohne Erkältungen und Stürze.
Bei beiden Trainingslagern war auch ein junger Nachwuchsrennfahrer, Matthias Schloss aus der Pfalz, mit dabei, der auch für meinen Heimatverein startet und das Zeug dazu hat, vielleicht einmal in meine Fußstapfen zu treten.

Ich versuche, ihn auf diesem Wege als Trainer und als Freund zu unterstützen und hoffe sehr, dass bei ihm bald der Knoten platzen wird. Beim nächsten Mal werde ich euch Matthias Schloss im Interview vorstellen, in dem er dann ausführlich über sein Handicap, seine Familie und über seine sportlichen Ziele erzählen wird.

Bis bald, “Life goes on” .

Gotty

 
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Tagebuch 1 von Gotty Müller

Mein Name ist Gottfried Müller, meine Freunde nennen mich Gotty. Ich bin unterschenkelamputiert, ich genieße und lebe seit über 10 Jahren meinen Leistungssport, mein zweites Leben.

Meine Disziplinen sind der Bahnradsport und der Straßenrennsport, wo ich mir in den vergangenen Jahren die eine oder andere Meisterschaft und Goldmedaille erkämpft habe. Nähere Infos über mich könnt Ihr in einem Össur Interview und Steckbrief nachlesen oder schaut kurz auf meiner Homepage (www.gotty-mueller.de) vorbei.

An dieser Stelle werde ich Euch ab sofort Einblicke in mein Sportler-, Berufs- aber auch in mein Privatleben geben. Ich versuche, allgemein interessante Storys von Amputierten zu präsentieren, die Motivation und Ansporn, Mut oder Hilfestellung für die Zukunft geben sollen. Spannende und lustige Geschichten von Leuten, die mit beiden Füßen, auch wenn es zwei Prothesen sein sollten, standhaft und sehr gefestigt mitten im Leben stehen. So wie Du und ich.

Beginnen möchte ich heute mit einer Geschichte über mich, um Euch zu erzählen was so ein „Leistungssportler“, außer seinem geliebten Sport, noch so alles in seiner „Freizeit“ treibt.

Das Feuer der Spiele von Athen ist erloschen, die Koffer und die Fahrräder sind eingepackt. Nach vier langen Wochen geht es „endlich“ wieder nach Hause. Der physische und psychische Stress, den man sich teilweise selbst, aber auch durch die Medien und die Erwartungen der Sponsoren aufgebaut hatte, ist auf einmal wie weggeweht. Auf dem Heimflug kamen bei mir jedoch die ersten Gedanken auf: Was werden wohl meine Freunde, meine Arbeitskollegen, meine Sponsoren, meine Familie zu Hause fragen? „Warum hat es wieder nicht zu einer Medaille gereicht?“, werden sie von meiner Leistung enttäuscht sein?

Aber diese Gedanken sind schnell wieder verflogen! Egal was alle denken mögen, ich bin mit mir und mit meiner Leistung zufrieden, ich habe alles gegeben, gekämpft bis zum Umfallen. Ich bin viertbester Rennfahrer der Welt geworden und ich sehe keinen Grund, warum ich unzufrieden oder gar traurig sein sollte, nur weil ich dieses Mal keine Medaille bekommen habe. Nee, Nee!!

Zuhause angekommen kam dann alles ganz anders. In meinem Heimatort Oberemmel, ein kleines Winzerdorf in der Nähe der Saar gelegen zwischen Saarburg und Konz, war bereits alles für einen großen Empfang organisiert. Der Orts-Bürgermeister hatte alle Dorfvereine mobilisiert, um an einem Dorfumzug teilzunehmen.

Ich wurde mit einer offenen Pferdekutsche abgeholt und mit Marschmusik der Oberemmeler Winzerkappelle durch das ganze Dorf zum Empfang im Gemeindesaal begleitet. Dort hatten sich sehr viele Oberemmeler Fans eingefunden, um mit mir zusammen meine Erfolge zu feiern.

Jeder der mich kennt, weiß, dass ich normal nicht soviel Aufhebens um mich mag. Dieser Empfang war jedoch etwas ganz Besonderes. Er hat mich sehr berührt und gefreut. Ich möchte mich ganz herzlich bei meinen Oberemmeler Fans hierfür bedanken.

Nach dem Trubel und all den Feierlichkeiten blieb keine Zeit, sich auf den Lorbeeren auszuruhen. Auch ein Leistungssportler, hat eine Familie, vielleicht ein Haus, einen Garten und manche Baustelle, die seit dem Einzug vor vielen Jahren immer noch nicht fertig ist. Meine Frau Marita führt so insgeheim das ganze Jahr über eine Liste mit kleinen Nettigkeiten für mich, die ich dann im Herbst und Winter erledigen muss!

In diesem Jahr war es verdammt viel, was sich da angesammelt hatte, war doch die Vorbereitung auf Athen so zeitintensiv! In den letzten Monaten hatte ich nur noch eine Sache im Kopf gehabt, Radsport, Radsport, Athen, Athen, sodass mir nicht mal für Kleinigkeiten Zeit blieb. So ging es dann gleich am ersten Wochenende nach den Spielen von Athen zur Sache, 14 Raummeter Holz für unseren Kachelofen mussten mit der Schubkarre in den Holzschuppen gefahren werden, natürlich nicht ohne Blasen an beiden Händen. Gleich in der Woche darauf begann mein über einen Monat dauerndes Martyrium, um aus einer „Garagenbaustelle“ eine angemessene Unterkunft für Auto und Fahrräder zu kreieren.

Zuerst musste ich 27 qm Bodenfließen verlegen und verfugen, oh ich sage Euch, mein Rücken.... anschließend waren die Wände dran ,die heute in einem strahlenden Weiß leuchten und zum Abschluss wurde die Decke der 8 Meter langen Garage mit Holz vertäfelt.

Man glaubt gar nicht, wo man überall Muskelkater bekommen kann. Auch als Leistungssportler bleibt man davon nicht verschont. Aber damit war die Liste meiner Frau immer noch nicht zu Ende: Es ging munter weiter, jetzt aber im Hause. Alle Räume sollten mit Laminat Fußboden erneuert werden, und einiges mehr. Tja, weder auf seinen Lorbeeren ausruhen, noch auf sein Handicap kann man sich „rausreden“!

Im Moment ist Waffenstillstand in Müllers Arbeitslager, der bis nach dem ersten Trainingslager dauern wird und dann kommen noch die Außenanlagen dran. In dieser „arbeitsreichen Freizeit“ lag auch noch der 1. November: Das ist für mich, aber auch für alle anderen Rennfahrer, der Start in die neue Radsport Saison. Wir im Verein beginnen dann jeden Montag mit dem Hallentraining. Ein- bis zweimal die Woche gehen wir ins Fitness-Studio und am Wochenende fahren wir mit dem Mountainbike oder mit den Straßenrädern. Je nach Wetter trainieren wir auch auf der Rolle, jeder für sich alleine stundenlang im Keller.

Ihr könnt mir glauben. dass ich oft mit mir kämpfen musste, trotz der vielen Arbeit zu Hause, eben doch die Motivation zu finden, um aufs Rad zu steigen und mein Trainingspensum abzuspulen. Gegenüber der letzten Saison habe ich dieses Jahr ein bisschen ruhiger begonnen. Mein Kilometerstand liegt im Moment so bei 3.500km, im vergangenen Jahr waren es zum gleichen Zeitpunkt über 1.000km mehr. Jetzt freue ich mich schon riesig auf die beiden Trainingslager im Februar auf Mallorca, wo sich die Nationalmannschaft mit über 30 Sportlern zum Grundlagen- Trainingslager trifft und dann anschließend geht’s im März weiter zum zweiten Trainingscamp, das wahrscheinlich in Loret de Mare (Spanien) stattfinden wird. Wir, die Nationalmannschaft, sind natürlich sehr daran interessiert, dass sich sehr viele Sportler, mit und ohne Handicap, für unseren Sport begeistern und wir Euch zum mitmachen animieren können, um den einen oder anderen vielleicht im nächsten Jahr bei unseren Trainingslagern oder Rennen begrüßen zu können. Bei nächsten Mal berichte ich aus dem Trainingslager über den Stand der Dinge und werde Euch dann einen Mannschaftskollegen vorstellen. Soviel von mir fürs erste, bis bald. “Life goes on” – Ein Leben ohne Einschränkungen!

Euer Gotty